Mein Karateweg 0 – Kyokushin was?

Als ich 1996 meinen Einstieg in die Kampfkunst gemacht habe, hätte ich niemals gedacht, dass ich mich jemals dem Karate zuwenden würde.

Mit knapp 20 Jahren Wing Chun auf dem Buckel, etwas Erfahrung in Aikido und einem Schnupperjahr Taijiquan, habe ich etwa 2 – 3 Jahre Pause gemacht. Ich fühlte mich eingefahren, beinahe eingerostet und überlegte lange, wie es für mich weitergehen konnte… ja, OB es überhaupt weitergehen konnte!

Wieder Wing Chun, nur vielleicht ein Wechsel des Verbandes? Oder Freistil? Ich musste ja mittlerweile auch auf meinen Körper hören, ich bin ja nun auch nicht mehr der Jüngtse… und dann fiel mein Blick auf meine Tochter, die sich in den letzten Jahren zum Blaugurt im Andyoko Ryu Kempo Karate entwickelt hat… und ich dachte mir, „warum eigentlich nicht Karate?“

Kyokushin

Ich muss zugeben, dass ich Karate immer nur als KampfSPORT gesehen habe, bei dem Fitness und Charakterbildung im Vordergrund stehen. Doch die gelegentlichen Sparrings mit meiner Tochter haben mir gezeigt, dass da doch etwas mehr hinter steckt.

Dennoch hatte ich meine Zweifel, war ich doch seit vielen Jahren auf „innere“ Kampfkünste gedrillt. Trotzdem bemühte ich Google und fing an mich zu informieren. Interessanterweise erfuhr ich, dass Karate ursprünglich „chinesische Hand“ und nicht „leere Hand“ bedeutet und somit auch der Ursprung vom Karate klar wurde: Karate entwickelte sich aus den chinesischen Kampfkünsten. Mir war zwar klar, dass China und Japan und vor Allem auch die Inselkette des alten Ryukyu-Reiches sich durchaus gegenseitig in all den Jahrtausenden befruchteten, aber ich habe Karate immer als originär japanische Kampfkunst gesehen. Am Meisten hat mich aber überrascht, dass die chinesischen „inneren“ Kampfkünste die Basis für das Karate waren. Sollte also Taiji etc. der entfernte Großvater von Karate sein? Ein Enkel, der lediglich eine etwas andere Entwicklung genommen hat?

In totaler Kurzform: es scheint wohl so. Karate hat sich aus der reinen Zweckmäßigkeit entwickelt. Die Bauern mussten sich aufgrund eines Waffenverbots und der Repressalien schwer gepanzerter und bewaffneter „Ritter“ etwas einfallen lassen. Ziel war es also die chinesischen, weichen Kampfkünste so zu konzipieren, dass der Gegner bestenfalls mit einem Schlag ausgeknockt ist. So entwickelte sich aus dem „weichen“ Kung Fu das „harte“ Karate.

Meine Neugier war also endgültig geweckt, ich musste dieses Karate einfach mal selber machen… Google offenbarte mit 18 Karateschulen und -Vereine im Raum Ingolstadt. Ich suchte also eine Schule, deren Unterrichtszeiten irgendwie mit meiner Arbeit kompatibel waren. Es blieben 4 übrig. 3x Shotokan-, 1x Kyokushin-Karate.

Ich entschied mich für Kyokushin-Karate. Zum Einen, weil mir die Geschichte des Gründers imponierte und zum Zweiten, weil ich wieder richtig Bock auf hartes Sparring hatte und Kyokushin als Vollkontakt-Karate das offenbar anbietet.

Mas Oyama

Meine erste Trainingsstunde hatte ich dann am 10. September. Mit gebügelten Gi düste ich hin und versuchte so gut wie möglich mit zu machen. Mich erwartete eine bunte Mischung an Menschen mit einer irren Altersbandbreite. Von 12 bis 70 Jahren waren alle Altersklassen vertreten, Männer und Frauen. Ich war ein wenig überrascht, hatte ich doch, aufgrund des Rufs vom Kyokushin, hauptsächlich junge erwachsene Männer erwartet… aber weit gefehlt…

Der Trainingsaufbau war wie erwartet. Begrüßung, Kurzmeditation, Warmmachen, Grundübungen (Schläge, Tritte, Körperwendungen), Katas der Grundschule. Dann Sparring. Soweit so gut.

Einige Bewegungen waren bekannt, andere ungewohnt – die größte Umstellung für mich war aber tatsächlich der Fauststoß. Durch meinen Drill war ich es gewohnt einen „Geraden Fauststoß“ mit aufrechter Faust und einer Trefferfläche mit den drei unteren Fingerflächen (kleiner Finger, Ringfinger, Mittelfinger) zu machen. Der Tsuki beim Karate ist ein waagerechter Fauststoß mit Trefferfläche des Zeigefingers und Mittelfingers.

Nach dem Sparring hat es mich allerdings relativ kalt erwischt: Die Abhärtung.

Es begann mit klassischen Faustschlägen auf ein Schlagpolster. Als Anfänger wollte ich in Nichts nachstehen, doch je ausgepowerter ich war desto unkonzentrierter wurde ich und der Karate Tsuki mischte sich mit dem geraden Kung Fu Fauststoß. Ein Dilemma, der mir die rechte Hand stauchte.

Aber zur Abhärtung gehört nicht nur die Faust, auch diverse Muskelpartien und Körperpartien gehören dazu. Man fängt also an sich gegenseitig abwechselnd und organisiert mit Fäusten und Tritten etwaige Körperpartien zu traktieren. Brustmuskel, Bizeps, Trizeps, Unterarm, Rippenbogen, Bauch, Schienbein, Oberschenkel, etc. alles dabei.

Danach wieder Kurzmeditation, Verabschiedung, fertig.

Am nächsten Morgen ging es mir körperlich richtig mies. Ich konnte mich kaum bewegen, meine rechte Hand war leicht angeschwollen und pulsierte, aber ich war in Summe glücklich. Das war es. Das wollte ich weitermachen.

Das zweite Training war gefühlt nicht mehr ganz so schlimm, jedoch konnte ich mit der rechten Hand kaum etwas anfangen so daß ich jetzt erstmal eine Woche Pause eingelegt habe. Meiner Hand geht es mittlerweile besser, ist zwar noch nicht ausgeheilt, aber das wird schon noch. Am Dienstag geht es auf jeden Fall in die nächste Runde…

Aber warum tue ich mir das an?

Der Grund ist eigentlich ganz einfach: ich bin davon schlichtweg fasziniert. Mein Leben lang war ich schon immer von den Kampfkünsten fasziniert und ich hatte das Glück mal mehr, mal weniger in dieser Richtung lernen zu dürfen.

In den 2-3 Jahre Pause habe ich mich desöfteren gefragt, wie es sich eigentlich anfühlt, wenn man als älterer Mensch etwas komplett Neues in dieser Richtung anfängt. Wird man akzeptiert? Wie ist es, wenn man eine Gürtel-Prüfung mit Schulkindern gemeinsam macht? Kann man die verloren gegangene Beweglichkeit der Jugend wiederfinden und möglicherweise sogar weiter ausbauen? Wie weit kann man überhaupt noch kommen?

Ich bin mittlerweile 46 Jahre alt, meine Beweglichkeit hat in den letzten Jahren rapide abgenommen und mein Übergewicht lässt mich bei sportlicher Betätigung oftmals lächerlich aussehen. Mein einziger Vorteil gegenüber einem Anfänger „mittleren Alters“ ist der, dass ich vielleicht etwas mehr Erfahrung und mehrere Dojos und Trainingsräume bereits von innen gesehen habe.

Mehr nicht.

Ich will daher versuchen unter dem Titel „mein Karateweg“ eine fortlaufende Reihe machen, die

  • mit den Problemen offen umgeht
  • Mut machen soll
  • vielleicht sogar inspirieren kann

Dabei ist es völlig egal, welche Art von Kampfkunst man im Alter beginnen möchte…  ich glaube die Bedenken und Probleme sind immer ähnlich.

In diesem Sinne

Osu, Marcus

OSU

 

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