Havamal heute – 5. Spruch

Witz bedarf man auf langer Reise; daheim hat man Nachsicht.

Zum Augengespött wird der Unwissende, der bei Sinnigen sitzt.

Mich beschleicht beim 5. Spruch immer wieder das Gefühl, als ob dieser entweder nicht richtig übersetzt wurde, oder einfach nicht zusammenpasst – sprich: aus mehreren Teilsprüchen einfach zusammengelegt wurde.

Während der zweite Teil des Spruchs eine klare und eindeutige Aussage ist, finden wir im ersten Teil zwei möglicherweise nicht miteinander in Beziehung stehende Aussagen… so scheint es zumindest. Aber fangen wir mal an.

Witz bedarf man auf langer Reise. Möglicherweise ist hier die tatsächliche Reise von Ort zu Ort gemeint. Mir persönlich geht auch heutzutage „Reisen“ mächtig auf den Keks. Ich mag da eher das „Ankommen“. Damals war das Reisen beschwerlich, lang und anstrengend. Krankheit, wilde Tiere, Überfälle, weiß der Geier was waren lebensbedrohlich. Sicher braucht man Witz, also eine gesunde Portion Humor, um nicht wahnsinnig zu werden.

Humor ist ein guter Begleiter, den man möglichst nicht verlieren sollte, egal wie beschwerlich und aufreibend die Reise auch ist.

Diese Reise kann, so meine Interpretation, einerseits die tatsächliche Reise sein, aber auch im übertragenen Sinne gesehen werden. Die Lebensreise zum Beispiel, die Etappe bei einer neuen Arbeitsstelle oder einem neuen Wohnort, der Lebensabschnitt in einer neuen Beziehung, etc. Witz ist unabdingbar um den ganzen Irrsinn tagtäglich durchzustehen!

Daheim hat man Nachsicht. Stimmt. Wenn nicht ist es blöd. Zu Hause bekommt und gibt man in der Regel Mitgefühl, Schwäche wird akzeptiert, man wird aufgefangen. Zu Hause ist ein Nest, in das man sich zurückziehen und Kraft für den nächsten Aufschlag sammeln kann.

Draußen nicht. Jeden Tag, wenn wir unser Haus verlassen, ziehen wir mit der Jacke eine Maske an, mit der wir irgendwie versuchen den Tag durchzuhalten.Wir spielen eine Rolle, egal wo wir sind. Arbeit, Sportverein, Freunde. Die Rolle, die am besten zu der jeweiligen Situation passt und nahe genug an einem selbst ist, um sich nicht verkaufen zu müssen. <- wobei diese Grenze durchaus individuell ist.

Selbst „zu Hause“ wird mehr oder weniger eine Rolle gespielt. Der „starke Papa“ oder die Mama, die immer die Ruhe behält, egal welcher Wind von „draußen“ gerade auf die Familie einstürmt.

Meist sind es nur kleine Moment in denen wir voll und ganz selbst sind. Nachsicht ist etwas anderes, etwas unsichtbares. Es ist nichts was man zeigt, es ist etwas, das man macht. Ich habe zum Beispiel Nachsicht, wenn meine Frau gestresst von der Arbeit ist und keinen Lärm ertragen kann. Ich verhalte mich leise, rede nicht, sondern fange sie auf. Meistens. Das ist Nachsicht… evtl. könnte man es auch Achtsamkeit nennen, wobei sich Nachsicht eher aus der Achtsamkeit ergibt. Nachsicht ist, dem anderen Schwäche zu erlauben und in diesen Situationen zu stützen.

Auf Reisen kann man also keine Nachsicht erwarten. Oder neu interpretiert: Draußen kannst Du keine Nachsicht erwarten. Sei stark!

Zum Augengespött wird der Unwissende, der bei Sinnigen sitzt. Eigentlich klar, oder? Dieses „sich Blicke zuwerfen“ wenn ein anderer etwas wirklich Unsinniges zu dem gerade diskutierten Thema sagt. Augengespött ist ein schönes Wort in diesem Zusammenhang… aber auch ein gefährliches im übertragenem Sinne.

Wenn man selber zum „Augengespött“ wird, mag man es gar nicht mitbekommen. Es manifestiert sich eine Meinung in den Köpfen der anderen über Dich mit der Du jedes Mal ringen musst, wenn Du auf einen der anderen Anwesenden triffst.

Vielleicht hast Du Glück und bekommst es ausgemerzt, wenn nicht wird aus der Meinung ein Vorurteil, was weit gefährlicher ist. Es ist ein Unterschied, wenn man sagt:

„Meiner Meinung nach hat Paul keine Ahnung vom Fußball.“

oder

„Paul hat absolut keine Ahnung von Fußball.“

Aus einer Meinung, wird ein Fakt. Eine Meinung umzukehren ist einfacher, als einen – wenn auch falschen – Fakt.

Der zweite Teil des 5. Spruches ist hier also erstmal eine Aussage, die ich als eine Art Warnung verstehen würde.

Halt lieber den Mund, wenn Du keine Ahnung hast. Oder auch: informiere und beschäftige Dich mit den Dingen, wenn Du keine Ahnung hast. Oder weiter: umgebe Dich mit Menschen, die zu Dir passen.

In diesem Sinne, ihr Heiden – bleibt stark!

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