Havamal heute – 5. Spruch

Witz bedarf man auf langer Reise; daheim hat man Nachsicht.

Zum Augengespött wird der Unwissende, der bei Sinnigen sitzt.

Mich beschleicht beim 5. Spruch immer wieder das Gefühl, als ob dieser entweder nicht richtig übersetzt wurde, oder einfach nicht zusammenpasst – sprich: aus mehreren Teilsprüchen einfach zusammengelegt wurde.

Während der zweite Teil des Spruchs eine klare und eindeutige Aussage ist, finden wir im ersten Teil zwei möglicherweise nicht miteinander in Beziehung stehende Aussagen… so scheint es zumindest. Aber fangen wir mal an.

Witz bedarf man auf langer Reise. Möglicherweise ist hier die tatsächliche Reise von Ort zu Ort gemeint. Mir persönlich geht auch heutzutage „Reisen“ mächtig auf den Keks. Ich mag da eher das „Ankommen“. Damals war das Reisen beschwerlich, lang und anstrengend. Krankheit, wilde Tiere, Überfälle, weiß der Geier was waren lebensbedrohlich. Sicher braucht man Witz, also eine gesunde Portion Humor, um nicht wahnsinnig zu werden.

Humor ist ein guter Begleiter, den man möglichst nicht verlieren sollte, egal wie beschwerlich und aufreibend die Reise auch ist.

Diese Reise kann, so meine Interpretation, einerseits die tatsächliche Reise sein, aber auch im übertragenen Sinne gesehen werden. Die Lebensreise zum Beispiel, die Etappe bei einer neuen Arbeitsstelle oder einem neuen Wohnort, der Lebensabschnitt in einer neuen Beziehung, etc. Witz ist unabdingbar um den ganzen Irrsinn tagtäglich durchzustehen!

Daheim hat man Nachsicht. Stimmt. Wenn nicht ist es blöd. Zu Hause bekommt und gibt man in der Regel Mitgefühl, Schwäche wird akzeptiert, man wird aufgefangen. Zu Hause ist ein Nest, in das man sich zurückziehen und Kraft für den nächsten Aufschlag sammeln kann.

Draußen nicht. Jeden Tag, wenn wir unser Haus verlassen, ziehen wir mit der Jacke eine Maske an, mit der wir irgendwie versuchen den Tag durchzuhalten.Wir spielen eine Rolle, egal wo wir sind. Arbeit, Sportverein, Freunde. Die Rolle, die am besten zu der jeweiligen Situation passt und nahe genug an einem selbst ist, um sich nicht verkaufen zu müssen. <- wobei diese Grenze durchaus individuell ist.

Selbst „zu Hause“ wird mehr oder weniger eine Rolle gespielt. Der „starke Papa“ oder die Mama, die immer die Ruhe behält, egal welcher Wind von „draußen“ gerade auf die Familie einstürmt.

Meist sind es nur kleine Moment in denen wir voll und ganz selbst sind. Nachsicht ist etwas anderes, etwas unsichtbares. Es ist nichts was man zeigt, es ist etwas, das man macht. Ich habe zum Beispiel Nachsicht, wenn meine Frau gestresst von der Arbeit ist und keinen Lärm ertragen kann. Ich verhalte mich leise, rede nicht, sondern fange sie auf. Meistens. Das ist Nachsicht… evtl. könnte man es auch Achtsamkeit nennen, wobei sich Nachsicht eher aus der Achtsamkeit ergibt. Nachsicht ist, dem anderen Schwäche zu erlauben und in diesen Situationen zu stützen.

Auf Reisen kann man also keine Nachsicht erwarten. Oder neu interpretiert: Draußen kannst Du keine Nachsicht erwarten. Sei stark!

Zum Augengespött wird der Unwissende, der bei Sinnigen sitzt. Eigentlich klar, oder? Dieses „sich Blicke zuwerfen“ wenn ein anderer etwas wirklich Unsinniges zu dem gerade diskutierten Thema sagt. Augengespött ist ein schönes Wort in diesem Zusammenhang… aber auch ein gefährliches im übertragenem Sinne.

Wenn man selber zum „Augengespött“ wird, mag man es gar nicht mitbekommen. Es manifestiert sich eine Meinung in den Köpfen der anderen über Dich mit der Du jedes Mal ringen musst, wenn Du auf einen der anderen Anwesenden triffst.

Vielleicht hast Du Glück und bekommst es ausgemerzt, wenn nicht wird aus der Meinung ein Vorurteil, was weit gefährlicher ist. Es ist ein Unterschied, wenn man sagt:

„Meiner Meinung nach hat Paul keine Ahnung vom Fußball.“

oder

„Paul hat absolut keine Ahnung von Fußball.“

Aus einer Meinung, wird ein Fakt. Eine Meinung umzukehren ist einfacher, als einen – wenn auch falschen – Fakt.

Der zweite Teil des 5. Spruches ist hier also erstmal eine Aussage, die ich als eine Art Warnung verstehen würde.

Halt lieber den Mund, wenn Du keine Ahnung hast. Oder auch: informiere und beschäftige Dich mit den Dingen, wenn Du keine Ahnung hast. Oder weiter: umgebe Dich mit Menschen, die zu Dir passen.

In diesem Sinne, ihr Heiden – bleibt stark!

Havamal heute – 4. Spruch

Wasser bedarf, der Bewirtung sucht, ein Handtuch und holde Nötigung.

Mit guter Begegnung erlangt man vom Gaste Wort und Wiedervergeltung.

Eigentlich klar soweit. Wenn man mal ein paar Jahre in der Zeit zurückreist und davon ausgeht, dass lange Wegstrecken zu Fuß, mit dem Pferd oder bestenfalls mit einem Karren zurückgelegt wurden, dann versteht man vielleicht leichter, was es mit Wass und Handtuch auf sich hat. Hier wird das klassische „Frischmachen“ nach einer Reise beschrieben, eine Sache, die wir heute noch ganz ähnlich handhaben. Erstmal ankommen, auf Toilette gehen, sich etwas Wasser ins Gesicht werfen, runterkommen, ggf. sogar duschen oder sich erstmal etwas ausruhen.

Über die „holde Nötigung“ könnte man vielleicht nachdenken, aber jeder, der mal bei seiner Oma zu Besuch war, oder in Skandinavien oder in der Alpenregion irgendwo zu Gast ist, der weiß genau, was damit gemeint ist… man wird quasi überschüttet mit Essen, Freundlichkeit, Getränken (vor Allem Getränken) und es wird alles getan, damit man sich wohlfühlt. Die „holde Nötigung“ bedeutet also das effektiv, dass mehr angeboten wird, als der Gast eigentlich möchte.

Mit Sicherheit gibt es das auch in anderen Teilen der Welt, besonders aufgefallen ist es mir allerdings nur in den oben genannten Gegenden.

Wort und Wiedervergeltung muss ich, denke ich, nicht näher beschreiben. Ich möchte nur eine kurze Szene aus meiner Kindheit beschreiben.

Österreich, alte Bauernstube, bereits Vormittags voll mit Verwandten und Bekannten. Von der Mittagsstunde an steht etwas auf dem Tisch. Erst das Mittagessen, das förmlich direkt in den Nachmittagskaffee mit Kuchen übergeht, die klassische Jausen gegen Abend, dann das Abendessen, mit Wein, Säften und Bier und danach kommt dann die Käseplatte mit Schnaps und mehr Wein und Bier.

Der Qualm von Zigaretten, Pfeifen und weiß der Geier was wabert an der niedrigen Zimmerdecke und die anfangs lustigen und allgemeinen Gespräche und der bunte Austausch von Neuigkeiten und Gerüchten gehen über in tiefsinnige, beinahe philosophischen Debatten, Erzählungen, Geschichten.

Danach,meistens schon spät in der Nacht, wurde sich verabschiedet und die Gäste luden die Gastgeber zu einer weiteren Runde, oder Fortsetzung, ein.

Dies verbinde ich mit dem kleinen, letzten Satz dieses 4. Spruches aus dem Havamal.

Schön.

 

In diesem Sinne!

Havamal heute – 3. Spruch

Wärme wünscht, der vom Wege kommt mit erkaltetem Knie;

Mit Kost und Kleidern erquicke den Wandrer, der über Felsen fuhr.

Der Spruch ist nicht wirklich kompliziert und vom Sinn her leicht zu interpretieren. Ich habe mich aber dennoch gefragt, ob nicht etwas mehr dahinter steckt, denn wie immer in der nordischen Mythologie, gibt es nichts Lapidares  in den Texten… also schaunmermal.

Folgendes sticht hier heraus: das Knie und der Fels.

Was ist an einem  Knie und an einem  Fels so wichtig, dass diese Begriffe in einem eigentlich selbsterklärendem Spruch auftauchen?

Sowohl das Knie, als auch der Fels sind grundlegende Begriffe in der nordischen Mythologie. Der Fels ist Ausdruck von Standhaftigkeit, dem Ertragen von beschwerlichen Aufgaben und dem bewältigen von großen Hindernissen. Der Fels ist Ausdruck von großer Kraft, die man aufbringen musste, um etwas zu erreichen.

Ein Wanderer der über Felsen fuhr ist also jemand, der einen äußerst beschwerlichen und langen Weg hinter sich gebracht hat und nun (zurecht) das Gastrecht einfordert.

Das Knie ist in der nordischen Mythologie ein Ausdruck der Beweglichkeit und Freiheit beschreibt. Je besser sich ein Knie bewegen kann, desto freier und beweglicher ist Mensch. Im alten Norden gab es zum Beispiel folgenden Ausdruck, um einen „verliebten“ Mann“ zu beschreiben, der nicht mehr von der Seite seiner Angebeteten wich:

„Sie schoss ihm einen Pfeil ins Knie!“

Im Englischen gibt es hierfür die Redewendung: „putting an arrow to the knee!“

Heutzutage gehen manche davon aus, dass genau dies auch der Grund ist, warum in der nordischen Welt der Mann bei einem Heiratsantrag auf die Knie geht…. macht schon Sinn irgendwie…. 🙂

Das Spiel Skyrim geht lustigerweise auch auf diesen Umstand ein. Die Wachen auf der Stadtmauer murmeln folgenden Satz: „Früher war ich auch ein Abenteurer, aber dann habe ich einen Pfeil ins Knie bekommen!“

Sei’s drum – zurück zu dem Spruch: ein kaltes Knie ist ein bewegungsunfähiges Knie. Der Wanderer muss also bereits lange unterwegs gewesen sein, damit das Knie kalt und bewegungslos sein kann. Wärme ist dann eine Wohltat, die der Gastgeber sicher nicht verweigern sollte.

Somit wird der Spruch auch rund. Das quasi „erweiterte“ Gastrecht in dem einem Wanderer Wärme, Kleidung und Essen angeboten wird tritt dann in Kraft, wenn eine beschwerliche und lange Reise vorausging.

Ein kleines, aber in meinen Augen sehr wichtiges Detail, wenn es um die Interpretation und die Übertragung des Spruches auf die heutige Zeit geht.

Alsdann ihr Nordmenschen, bleibt weise!

Freyr gleich Ullr ?

Ich glaube, ich habe relativ selten zum Thema Asatru, der nordischen Mythologie und was ich damit zu tun habe geschrieben und das wird sicher noch mal irgendwann der Fall sein.

Hier und heute geht mir mir aber in erster Linie um die beiden nordischen Götter Ullr und Freyr, sowie deren „Connection“, denn ich glaube mittlerweile, dass diese beiden so unterschiedlichen Götter eine uralte und, möglicherweise in den Mythen bereits unbekannte, Verbindung haben. Aber eins nach dem anderen…

Vorweg: Die nordische Götterwelt an sich ist ziemlich zerfasert. Wir haben klassische Gegensatzpaarungen, wir haben Ein-Prinzip Götter, ein paar Hybride und Welten voll von Gegenspielern und / oder Verbündeten. Ich habe mich schon oft gefragt, wieso das so ist und warum sich das nicht im Laufe der Jahrhunderte „bereinigt“ hat, wie in Griechenland, oder im alten Rom, deren Grundstock an Göttern ja quasi identisch ist mit der nordischen Götterwelt.

Möglicherweise liegt es daran, dass im Norden keine „Eroberung“ stattgefunden hat, sondern eine Symbiose. Natürlich ist es nur Vermutung, aber es wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass dem Asen/Wanen-Krieg ein reelles Aufeinandertreffen 2er (möglicherweise fast identischer) Kulturen voranging. Die indorgermanischen Einwanderer wären somit dann im Norden mit dem bereits ansässigen Volk eine Verbindung eingegangen, was in den anderen Teilen Europas möglicherweise nicht so stattgefunden hat. Manche sagen auch, dass der Norden von 2 indogermanischen Wellen mit zeitlichem Abstand bevölkert wurde und die Symbiose daher sogar eher eine logisch zwingende war….

Wie auch immer, die Wanen haben seltsamerweise den Krieg gewonnen, den Asen aber dennoch -nach Friedensverhandlungen und einem Geiselaustausch- die Herrschaft überlassen. Ein Zückerli in den Mythen ist, dass die Wanen mit den Geiseln (Hönir und Mimir) der Asen nicht zufrieden waren, Mimir köpften und Hönir mit dem Schädel zurück nach Asgard schickten. Die Reaktion der Asen: es gab keine.  Für mich wiederum ein klare Machtdemonstration der Wanen ggü. der Asen.

Waren die Asen also nur geduldete Herrscher? Und waren die „Geiseln„, die den Asen gegeben wurden (Freyr, Freya) vielleicht sogar eher eine Art Berichterstatter, Kontrolleure, oder gar Bewacher/Bewahrer des Friedensvertrags? Das könnte sogar einen eigenen Beitrag wert sein… ich denke drüber nach…

Aber hier geht es jetzt erstmal um Ullr und Freyr.

Ullr:

Ullr ist ein alter Gott, der offenbar nur in Skandinavien verehrt wurde in den Regionen nördlich von Oslo und Ostschweden. Heutzutage wird er als Gott des Bogenschießens, des Skilaufens, des Winters, der Jagd und des Todes gesehen. Er ist aber auch bekannt als Gott der Rechtsordnung und der Eide, Schutzgott des Zweikampfs, auch Ackerbau- und Weidegott.

Er steht für Klarheit, Gerechtigkeit, Geschicklichkeit und Treffsicherheit. Er ist einer der Bewahrer des Thingfriedens und er ist der Herr der Eiben (Bäume). Man nennt Ullr auch der Schild-Ase.

Ullr ist der Sohn eines Frostriesen und der Asin Sif – somit also ein Stiefsohn von Thor und man sagt, Ullr sei schön von Angesicht und kriegerisch von der Gestalt. Nachdem Skadi (eine Riesin) etwas unglücklich die Ehehfrau von Njörd und im Anschluß diese Verbindung gelöst wurde, ist sie die Verbindung mit Ullr eingegangen. Ein perfektes Paar.

Man sagt dass Ullr, nachdem Odin seine Ehre befleckt hatte (durch die Verführung der Asin Rindrfür kurze Zeit die Herrschaft von Odin übernommen hat. Ullr wurde dann aber von Odin verjagt und wieder auf seinen Platz verwiesen.

Ullr soll ein eher grausamer, aber durchaus gerechter  Gott sein, der den Winter liebt und von den Kriegern beim Kampfe angerufen wird.

Gerade in Norwegen und Schweden gibt es viele Orte, die nach Ullr benannt wurden,in Norwegen sogar drei Orte die in Verbindung mit Freyr (z.B. Ulsaaker-Froisaaker in Halingdal). Das alles lässt die Vermutung zu, dass Ullr – wenn nicht für geraume Zeit der Wichtigste – so doch ein äußerst wichtiger Gott war, der offenbar durchaus eine Zeit lang in direkter Konkurrenz zu Odin stand.

 

Freyr:

Von Freyr wissen wir, dass er mit seiner Schwester als Geisel von den Wanen zu den Asen entsendet wurde und dort – ohne großen Aufstand, Widerrede oder Ärger – einer der höchsten Götter wurde und die schönste der 9 Welten zugesprochen kam: Albenheim, oder etwas neuer und möglicherweise christlicher: LICHTalbenheim.

Ich habe Freyr früher eher als Frohnatur gesehen, der blumenpflückend über die Wiese hüpft und gerne mal die ein oder andere Dise verführt, sich aber aus kriegerischen Themen weitestgehend raushält. Freyr ist im Allgemeinen als Fruchtbarkeitsgott und Gott der Liebe bekannt. Wenn man von Freyr hört, denkt man zuerst an goldgelbe Weizenfelder und an seine wohl wunderschöne Schwester Freya – was somit vermuten lässt, dass auch Freyrs Aussehen nicht von schlechten Eltern sein dürfte. Zudem sieht man ihn auf alten Darstellungen und kleinen Anhängern mit erigiertem Phallus im Scheidersitz hocken – womöglich als Bezug zur Fruchtbarkeit und zur Liebe.

Dieses Bild hat sich mittlerweile komplett gedreht, Freyr ist für mich wesentlich mehr.

Freyr ist AUCH der Fruchtbarkeitsgott und der Gott der Freude, Liebe, der Natur, des Strahlens und allem weiteren, was man so damit verbindet. Ja, bei Freyr ist es durchaus möglich, dass er blumenpflückend durch Weizenfelder hüpft und Schmetterlinge beobachtet. Freyr ist aber auch Krieger, Held, Gott der Treue, Ehre, Herrschaft und Gerechtigkeit, Schutzgott, Eidgott, Gott des Zweikampfes, Gott der lichten Zeit, aber auch – Gott des Jahreswechsels und der Ruhe.

Freyr gilt als Anführer der Heerschar der Asen, als Krieger par Excellence. Zudem steht er in diesem Bezug auch, oder vor Allem,  für Ehre, Treue und auch für eine gewisse Art an Schicksalsergebenheit. Sofern die Geschichte unbekannt ist, will ich sie mal kurz zusammenfassen. An Ragnarök ziehen sich die Wanen komplett aus den Kämpfen zurück. Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Wanen als Naturgötter die Neuschaffung der Welt nach Ragnarök organisieren wollen, oder müssen. Freyr ist der einzige Wane, der sich an der letzten Schlacht nicht nur beteiligt, nein, er ist derjenige, der sich dem geifernden Surt stellt, der bereits seit Beginn aller Zeit am Rande von Ginnungagap steht und mit seinem Feuerschwert auf die andere Seite giert, wartet, damit Ragnarök endlich losgeht.

Und dann steht da Freyr. Als einziger der Vanen. Bewaffnet mit einem Hirschgeweih. Wohlwissend, dass er damit den Surt nicht besiegen kann. Ein ehrenhafter und treuer Held.

Freyr ist einer jener Götter, dem man nicht eine Horde von Nachkommen nachsagt. Nachdem er sich von seiner Schwester trennen musste fristete er weitestgehend alleine sein Dasein in Albenheim und auf den Banketten der Asen. Zudem gibt es auch nicht viele Menschengeschlechter, die sich auf einen Abkömmling Freyrs berufen. Meines Wissens ist es lediglich das schwedische Herrschergeschlecht der Ynglinger und ein Teil der Ladejarle in der Trondelag. Auch in den Mythen ist hier nichts zu finden. Man kann also davon ausgehen, dass der gute Freyr seine Kräfte durchweg bewusst und zielgerichtet eingesetzt hat.

Eines Tages aber, Odin war unterwegs oder anderweitig beschäftigt, schlich sich Freyr auf den Hlidskjalf, Odins Thron, an dem er alle 9 Welten im Blick hat. Freyr sah sich um und erblickte eine Riesin namens Gerdr in die er sich sofort verliebte. Er entsandte seinen Diener Skirnir um sie zu freien und schenkte ihm zu Schutz sein Schwert (ein wahres Wunderwerk, das quasi alleine kämpfen konnte) und sein Schlachtross. Nach einigem hin und her (Gerdr zierte sich dann doch etwas) wurde der Bund geschlossen. Freyr wartete also mit seinem Verlangen und seiner Liebe auf die richtige Frau, um den Bund einzugehen. Auch hier kommt der Treueaspekt klar zum Ausdruck.

Freyr gilt auch als Eidgott, denn der Bund zweier Menschen wurde auf seinen Namen geschlossen. Nicht nur aufgrund der Fruchtbarkeit, sondern auch -und vielleicht vor Allem- aufgrund seines Treueaspektes.

Interessanterweise ist da der Sidekick auf sein Schwert in der Überlieferung. Die Götter wissen, ebenso wie wir, relativ genau was an Ragnarök passieren wird. Dennoch handeln sie nicht dahingehend Ragnarök zu verändern, oder gar zu verhindern. Man könnte von Dummheit, oder einem gewissen Fatalismus sprechen. Im Sinne von Freyr gehe ich in erster Linie von dem Aspekt Ehe, Liebe und Frieden aus. Frei nach dem Motto, nutze Deine Zeit für die wichtigen Dinge und kümmere Dich nicht um das, was unabwendbar ist. Denn was nutzt Dir Dein Schwert, wenn Dein Tod unweigerlich kommen wird? Genau.

Das Hirschgeweih lässt Freyr in die Richtung des keltischen Cernunnos rücken und legt die Vermutung nahe, dass es hier eine gewisse Verwandtschaft gibt und Freyr wesentlich älter ist, als die Asen/Vanen Geschichte.

Freyr gilt als äußerst gut aussehend, wird in Summe aber recht unterschiedlich dargestellt. Blond ist die erste Assoziation aufgrund seines Sommeraspektes. Er wird aber auch als rot- oder dunkelhaarig bezeichnet. Der gepflegte, gestutzte Bart scheint eines seiner Markenzeichen zu sein., das sich durch die Geschichten durchzieht.

Freyr wird häufig von heidnischen Kampfsportlern angerufen, was wohl auf seinen Disput mit dem Bruder seiner Frau zurückzuführen ist, den er mit einem Fausthieb hätte töten können… „hätte“, wohlgemerkt. Ein Zeichen dessen, das er sich wohl nicht zu unüberlegten Handlungen hat wirklich hinreißen lassen.

 

Die Verbindung von Freyr und Ullr:

Freyr und Ullr bilden für mich ein klassisches Gegensatzpaar, ähnlich wie Baldr und Hödr. Während sich Freyr wohl um die helle Zeit des Jahres gekümmert hat, ist es Ullr, der die dunkle Seite repräsentiert.

Ansonsten sind die Überschneidungen zu prägnant, um sie zu ignorieren. Beide sehen gut aus, sind offenbar ausgezeichnete Kämpfer und gelten als Götter der Weide und des Ackerlandes – was ja bei beiden für eine Art Fruchtbarkeitsaspekt spricht. Beide gelten als Eidgötter – wenn auch für unterschiedliche Arten und beide haben eine Riesin zur Frau. Weder von Ullr noch von Freyr ist eine ausschweifende Existenz bekannt, es scheint fast so, als ob beide sich weitestgehend aus den typischen asischen Festen und Gelagen heraushielten und eher für sich blieben.

Beide haben für kurze Zeit den Thron Odins inne und beide gelten als gerechte Herrscher. Sowohl Ullr als auch Freyr werden dem vernünftigen Kampf zugerechnet und beide scheinen bereits älter zu sein, als man von den Asen im Allgemeinen vermutet.

Ullr wirkt auf mich ein wenig wie die mürrische, düstere Version des Freyr und möglicherweise gab es in den vor-asischen Zeiten tatsächlich diese Dublette. Freyr zuständig für den Sommer, Ullr zuständig für den Winter.

Sicherlich gibt es Unterschiede, die möglicherweise erst in späteren Zeiten hinzugefügt wurden. Freyrs Schiff und sein Kampfeber zum Beispiel, Ullrs Fortbewegung auf Skiern und seine Vorliebe für Pfeil und Bogen… was für mich aber eher nebensächlich ist.

Für mich sind beide zumindest auf eine gewisse Art zwei Seiten einer Münze und bilden somit eine Symbiose, die logisch ist.

 

Soviel mal dazu. Für mich ist das eine logische Erklärung… was nicht heißt, dass dies richtig sein muss. Wie seht ihr das?

Havamal heute – 2. Spruch

Heil dem Geber! Der Gast ist gekommen.

Wo soll er sitzen? 

Atemlos ist, der unterwegs sein Geschäft erledigen soll.

Ein Spruch, der sich auf die Gastfreundschaft bezieht, auch im geschäftlichen Sinne, was den Spruch hier schon wieder interessant macht, denn offenbar haben unsere Ahnen Gastfreundschaft ggü. Reisenden auch mit Handel verbunden.

Gut, andererseits, warum hätte man damals auch reisen sollen? Zum Spaß sicher nicht, wie es heute der Fall ist. Letztlich wird es nur drei Gründe gegeben haben: Raubzug/Krieg, Handel und Botengänge. Und besonders die letzten beiden Gründe sind mit dem Spruch abgedeckt. Man sollte also als Gastgeber den Gast freundlich empfangen und ihm die nötige Zeit geben sein Anliegen vorzubringen.

„Heil dem Geber“ wäre somit als eine Aufforderung des Allvaters an die Menschen zu sehen, gute Gastgeber zu sein. Gastfreundschaft ist nicht umsonst eine der Tugenden unserer Ahnen gewesen.

„Wo soll er sitzen?“ sehe ich als deutliche Aufforderung vorsichtig zu sein. Ist es ein Freund, Verwandter oder Bekannter besteht kein Grund ihn nicht direkt ins „Innere“ ins „Private“ zu lassen. Wäre der Gast ein Fremder wäre es wahrscheinlich besser ihn erstmal ans Feuer zu setzen, an einen Platz, wo man ihn im Auge hat und ihn sein Anliegen erstmal vortragen zu lassen. Natürlich mit dem nötigen Respekt und Freundlichkeit.

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, oder? Nun, leider nein. Ich musste es insbesondere in den letzten 1,5 Jahren mehrfach erleben, dass dies eben nicht so ist. Ich möchte hier gar nicht ins Detail gehen. Respekt und Achtung vor dem Anderen gibt es leider immer weniger. Möglicherweise ist dies auch nur mein Blick auf die heutigen Umstände, ich würde mich freuen, wenn es so wäre.

„Atemlos ist, der unterwegs sein Geschäft erledigen soll“ bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung. In so einer „atemlosen“ Situation, kann viel missverstanden werden, Details vergessen oder unterschlagen werden, nur um den Besuch schnell hinter sich zu bringen.

Ich persönlich ziehe es vor, mir zumindest in Ruhe das Anliegen des Besuchs anzuhören. Was dem dann folgt steht ja erstmal auf einem anderen Blatt, aber es kann auch aus einem vorerst unangenehmen Besuch durchaus etwas Sinnvolles  entstehen. Und hier kommt dann wieder der Passus „wo soll er sitzen“ zum Tragen: treffe ich ihn in der Cafeteria, zum Essen oder doch gleich Besprechungsraum?

So, ich denke ihr wisst, worauf ich hinaus möchte… behandelt euren Gegenüber mit Respekt und Anstand und nehmt euch die Zeit sein Anliegen anzuhören.

Bei einem Aboverkäufer, Spendensammler oder sonstigen Typen, die gelegentlich mal an der Tür stehen ist das natürlich etwas anderes… aber auch denen kann man mit einem respektvollen „Nein, danke!“ deutlich seinen Standpunkt mitteilen.

In diesem Sinne!