Mein Karateweg 3 – Ausfallmonat

Der Oktober ist um, die Herbstpause (bis 04.11.)  ist in vollem Gang und es ist Zeit einen Rückblick auf die letzten 4 Wochen zu werfen.

Ich mach nicht lange rum, der Monat war nix. Ganze 2x habe ich es zum Unterricht geschafft, bevor mich Beruf und ein Infekt ausgehebelt haben. Jetzt, wo ich wieder halbwegs fit bin ist Herbstpause. Murphys Gesetz eben.

Das Wichtigste und auch Schwierigste war es im Oktober nicht in alte Muster zurück zu fallen. Der letzte Beitrag mit der Idee einiger Anpassungen an die Morgenroutine kam nicht von ungefähr, hier ist einiges passiert.

Bevor ich im September mit Karate angefangen habe, habe ich 2-3 Jahre wirklich gar nichts gemacht – bis auf unregelmäßiges Pumpen im McFit. So sah/sehe ich auch aus und so habe ich mich auch gefühlt. Knapp über 101 kg bei etwa 1,80 m machen sich einfach bemerkbar.

des Spitzbarts Morgenroutine:

Begonnen habe ich mit den Fünf Tibetern. Mal abgesehen von dem esoterischen Bullshit und dem pseudowissenschaftlichen und biografischen Buch von diesem Peter Kelder sind die Übungen vor Allem eines: eine gute Übungsreihe um den Kreislauf ein wenig in Schwung zu kriegen und die Wirbelsäule einmal von oben bis unten zu verbiegen und geschmeidiger zu machen. Gerade für „hochgewichtige“ und „unterbewegliche“ Menschen sind die Übungen leicht genug, um sie zu machen und schwer genug, dass sie wirken…

Seit etwa Mitte Oktober, also 1,5 Monate nachdem ich damit begonnen habe, habe ich die Übungsreihe erweitert. Hinzu kommen einige Kniebeugen, Faustliegestütze, Crunches (Situps klappen ja noch nicht), der klassische Plank und etwaige Dehnübungen aus Mas Oyama’s Complete Karate Course – ein Buch, das ich wirklich empfehlen kann. Nur auf Englisch verfügbar.

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Mit dem ganzen Spaß bin ich etwa eine halbe Stunde morgens beschäftigt und derzeit auch ausgelastet… 🙂

des Spitzbarts Abendroutine

Ja, auch abends mache ich noch mal das ein oder andere… Aber kein Stress, das ist wirklich easy. Ich gehe schlicht nochmal die Dinge aus dem Unterricht durch. Schläge Tritte, Blocks, Drehungen, Wendungen und mache zum Abschluß noch mal die Katas, die ich bis dato gelernt habe. Das geht alles nebenbei… beim Zähneputzen, Spülmaschinen aus- oder einräumen, auf dem Weg ins Bett, auf die Couch, immer schön nebenher.

des Spitzbarts Wochenendroutine

Jaaaaa…. auch das Wochenende wird mittlerweile genutzt! 😀

Ich bin ein ziemlich fauler Hund und hier bin ich meiner Frau unendlich dankbar, denn sie zwingt und drängt mich auch am WE aus der Gammelei in die Aktivität. Klar, dazu gehört Überwindung, manchmal auch etwas Streit, aber das Gefühl danach ist wirklich gut!

Neben dem Zeugs morgens und abends kommt am Wochenende noch ein wirklich langer Spaziergang (etwa 1,5 bis 2 Stunden) drauf und / oder (je nach Wetterlage) die Fahrt ins McFit. Hier verlustieren wir uns dann in der Regel etwa 2,5 – 3 Stunden.

Schwierigkeiten

Ganz ehrlich? Es ist jeden Tag eine Überwindung… morgens will ich einfach länger schlafen, noch ein paar Minuten länger im Bett liegen bleiben. Es ist pure Willenskraft, die mich rausholt und die Yogamatte ausrollen lässt. Ich finde das alles hochätzend, aber ich raffe mich auf und ziehe das durch. Danach geht es mir nicht viel besser, genervt steige ich unter die Dusche und zwiebel mir danach eine heiße Zitrone und viel Kaffee rein. Erst dann fängt es an mir besser zu gehen. Ich bin noch lange nicht im Gewohnheitsmodus, das dauert – wenn man diversen Quellen glauben darf – 66 Tage, also etwas mehr als 2 Monate. Da habe ich noch etwas vor mir…

Mein Job ist ein Problem. Ich bin oftmals unterwegs, arbeite auch oft länger, als üblich und entsprechend „durch“ bin ich dann erstmal abends… aber auch im Anschluß morgens. Ohne Willenskraft geht da gar nichts.

An solchen Tagen ist der Griff zu Süßigkeiten, Chips und viel viel Essen ein Leichter und in der Vergangenheit habe ich diesen kurzen Gelüsten viel zu häufig nachgegeben. Heute nicht mehr (so häufig).

Wochenende habe ich immer, IMMER mit lange Schlafen, Gammeln, gut Essen (gehen), vielleicht etwas trinken gehen und weiter gammeln verbunden. Heutzutage die Spaziergänge und Fahrten ins McFit sind eine Quälerei! Wirklich! Aber ich mach’s! Ich bin zwar gefrustet, aber ich mach’s!

Ich habe das Gefühl, als ob dieses Karate-Ding und das harte Training zunehmend einen Funken setzen, der möglicherweise, wenn ich das länger durchziehe, meine lange verloren geglaubte Selbstdisziplin wieder entfachen könnte! Interessant!

Resultate

Um Resultate zu erzielen, muss ja eigentlich vorher ein Ziel definiert worden sein. In meinem ersten Beitrag zu diesem Thema ging es mir in erster Linie darum, ÜBERHAUPT erstmal wieder etwas zu tun – wenn man das so als Ziel sehen mag.

In der Zwischenzeit haben sich aber folgende „Wünsche“ herausgebildet:

  • Gewichtsreduktion (obwohl ich wirklich gerne und viel esse)
  • verbesserte Fitness / Ausdauer
  • mehr Beweglichkeit
  • der verdammte Bauch muss weg

In Punkto Fitness, Ausdauer und Beweglichkeit  merke ich noch nichts. Ich fühle mich immer noch genauso matsch und platt wie zuvor.

Mein Körpergewicht dagegen hat sich von irgendwas >101 kg auf etwa 98 kg eingependelt. Ich denke, wenn ich noch regelmäßiger zum Training gehen würde, wäre es noch weiter unten. Aber den Trend finde ich schon mal gut.

Mein Bauchumfang hat sich von ~106 cm auf nunmehr 98 cm zurückentwickelt. Ich gehe davon aus, dass weitestgehend irgendwelche Gase für die pralle Mulle verantwortlich sind/waren und durch die regelmäßige Bewegung der Spaß einfach besser durchtransportiert wird.

dicker Bauch

Insofern kann man also schon irgendwie von Erfolgen sprechen.

Klar, ich muss weiter am Ball bleiben und weiter zum Unterricht gehen. Im November findet in Summe 8x Unterricht statt. Mein Ziel ist es mindestens 6x im Dojo aufzuschlagen. Neben der aktuellen Arbeitssituation ein straffes Ziel.

Ich halte euch auf dem Laufenden!

Osu!

 

 

 

Mein Karateweg 2 – körperliche Defizite

Ich muss mal einige Dinge wegnotieren, bevor sie im Alltag verloren gehen. Ich bin jetzt mitten in meinem zweiten Karatemonat und der Bonus / Malus des Neulings ist fast aufgebraucht. Ich bin Teil des Ganzen und ebenso werde ich im Training behandelt. Das ist gut, das bringt mich weiter.

Mein Alter und meine körperlichen Grenzen lassen sich leider nicht verstecken und während ich mich bei manchen Übungen wirklich quälen muss, oder auf Alternativen angewiesen bin, ziehen die Kollegen einfach den Stiefel runter. Das ärgert mich, da muss ich aber durch. Aber jetzt mal weg von der Jammerei, um was geht es denn eigentlich:

  1. Sit ups

Die klassische Rumpfbeuge ist wirklich ein Problem. Ich dachte immer, ich hätte eine stabile Bauchmuskulatur, die irgendwo unter der Wampe schlummert. Neenee… da ist nicht viel drunter. Nicht EINEN Sit up bekomme ich hin. Ich trickse also mit Crunches. Zwar auch anstrengend, ABER machbar – was für mich wiederum bedeutet, dass Crunches nur die light-Variante von Sit ups sind.

Bedeutet also, ich muss außerhalb des Dojos etwas für meine Bauchmuskulatur tun, damit ich irgendwann auch mal meine 20 Sit ups beim Aufwärmen hinbekomme. Crunches für den Einstieg, Planks und für die untere Bauchmuskulatur, das klassische „Beinchenheben“, also auf dem Rücken liegend die Beine anheben und während der Übung nicht den Boden berühren.

2. Ausdauer

Ja, mir wird zwar immer gesagt, das kommt mit der Zeit wieder, nerven tut es mich trotzdem. Zum Aufwärmen laufen wir einige Runden um die Halle. Zumeist bin ich nach 2-3 Runden durch und kann ich nicht mehr, beiße aber die Zähne aufeinander und hechle den anderen hinterher. Macht ja nix, bin eh ein Weißgurt und gehöre sowieso in der Dojo Rangliste nach hinten. Es ist aber trotzdem frustrierend, die teilweise älteren und wuchtigeren Karatekas da locker laufen zu sehen, während ich hinterherkrieche.

Ausdauer kommt automatisch vom regelmäßigen Training. Ich bin derzeit am Überlegen, ob ich morgens eine Laufroutine einrichte und/oder öfter mal das Laufband im Fitnessstudio strapaziere, aber ich muss her auf jeden Fall ran!

3. Beweglichkeit

Beweglichkeit, Schnelligkeit, dehnbare Sehnen, Muskeln und Gelenke gehören nunmal zum Karate. Sicher kann man das ein oder andere mit „Weisheit“ und dem vielleicht „klarem Blick des Alters“ ausgleichen, aber auch ein älterer Karateka kommt nicht um diese Grundeigenschaften  herum. Beweglichkeit ist die Basis.

Auch hier höre ich in stiller Regelmäßigkeit, dass die Beweglichkeit mit der Zeit zunimmt. Okay. Muss ich so stehen lassen, sicherlich hat mein Sensei recht! Ein Blick in den Dojo beweist das ja auch. Dennoch muss ich auch hier dran arbeiten. Ich kenne ja glücklicherweise noch einige Übungen aus meiner Vergangenheit, die ich aktuell als Morgenroutine durchziehe. Dennoch werde ich auch einen Blick in Richtung Yoga werfen, einfach um die Entwicklung auf sanftere Art zu unterstützen.

4. Abhärtung

Schonmal Liegestütze auf der Faust versucht? Klappt? Ja, bei mir auch. . Faustliegestütze sind kein großes Problem, SOFERN ich hier die unteren 3 Fingerglieder benutze. Im Wing Chun sind die unteren drei Fingerglieder (Mittel-, Ring-, kleiner Finger) die Trefferfläche bei einem Fauststoß, daher haben wir damals auch genau diese abgehärtet und die Liegestütze auf dieser Fläche gemacht.

Während meiner letzten Kyokushin Stunde hat mein Sensei mal etwas genauer hingesehen und mich schnell aufgefordert, auf die oberen Fingerglieder (Zeige-, Mittelfinger) zu wechseln. Alleine das Wechseln hat mir echt Mühe gemacht und mehr als 2 (!!!! ZWEI!!!) Faustliegestütze auf den oberen Fingerknöcheln habe ich nicht geschafft!

Ich übe das jetzt jeden Morgen, aber irgendwie wird das nicht besser. Ich hoffe mit der Zeit…

Resümee

Es gibt viel zu tun. Meine Morgenroutine wandle ich derzeit schon etwas ab. Etwas Dehnung, etwas Yoga, etwas Meditation und natürlich Faustliegestütze und Sit ups …;)

Ich werde versuchen das Fitnesstudio  weder in meinen Alltag zu drücken und  –  und das ist das Wichtigste  – REGELMÄßIG zum TRAINING GEHEN! 🙂

In diesem Sinne: OSU!

Mein Karateweg 1 – der erste Monat

Der erste Karatemonat ist um und daher erlaube ich es mir einfach mal den einen, oder anderen Tipp für den Späteinsteiger hier zu lassen. Los geht’s:

  • Schätze Dich richtig ein!

Schau Dich richtig an. Hast Du Übergewicht? Bist Du wirklich fit? Wie steht es um Deine Beweglichkeit? Deine Ausdauer? Wenn Du Dir nicht sicher bist, oder vielleicht ein körperliches Manko da ist (Bluthochdruck, oder ähnliches) dann gehe vorher zum Arzt und lass Dich durchchecken, bzw. sprich mit ihm. Das ist wichtig!

Kyoshukin Training ist hart. Es wird viel abverlangt. Während meiner ersten Stunde hatte ich mehrfach das Gefühl, dass mein Kreislauf kurz vor dem Kollabieren ist, dass meine Gelenke auseinander springen und mein Schädel platzt. Das muss euch bewusst sein.

Ich kann jetzt leider nicht sagen, ob das harte Training auch für andere Karate-Stile gilt, dennoch würde ich davon ausgehen und auf jeden Fall einen ärztlichen Check anraten.

  • Informiert euch vorher!

Ich habe tatsächlich den „Fehler“ gemacht und mich kaum über die Stile und deren Eigenarten zu Beginn informiert. Ich wusste, dass Shotokan-Karate wohl der am meisten verbreitete Stil ist, ich kannte den Stil meiner Tochter (wobei ich den schon fast in Richtung Kung Fu schieben würde) und natürlich kannte ich Chuck Norris!

Über Kyokushin habe ich mich erst informiert, als eigentlich schon klar war, dass ich dort in der Schule meine erste Probestunde machen will. Ich hatte das Glück, dass die Entscheidung richtig für mich war, das ist aber sicherlich nicht immer so. Daher empfehle ich euch, informiert euch. Sprecht vorher mit anderen Karatekas, lest euch online in die Geschichte und Entwicklung der unterschiedlichen Stile ein und wählt in aller Ruhe aus, wo für euch die Reise hingehen soll.

  • Schau es Dir in Ruhe an, übertreibe nicht!

Ich habe mich in der ersten Trainigsstunde voll reingehängt, wollte als Neuling in Nichts nachstehen und mehr gegeben, als ich eigentlich in der Lage war. Das Resultat war ein Mords-Muskelkater (ohne Witz, so einen Muskelkater hatte ich tatsächlich noch nie) und eine gestauchte rechte Hand. Meine Empfehlung wäre daher, hört auf die körperlichen Grenzen, übertreibt es nicht!

  • Schafft euch einige Utensilien an!

Also ich denke mal, dass ihr einen Gi benötigt, sowie diverse andere Dinge fürs Training ist klar. Für die ersten Stunden würde ich euch noch einen Satz Faustschützer, sowie einen Tiefschutz empfehlen. sofern ihr euch für den gleichen Stil entscheidet wie ich. Euer Verein, eure Schule wird euch hier aber sicher helfen können.

Zu meinen ständigen Begleitern, schon seit vielen Jahren, gehören ein kleiner Tegel Tigerbalm und eine Tube Pferdesalbe.

TIGER BALM WEISS         WEPA Pferdesalbe 100 ml Tube

Beim Tigerbalm bevorzuge ich die weiße Variante. Sie ist ein wenig schärfer und wirkt eher kühlend. Erholsam bei Kopfschmerzen, Erkältung und bei Prellungen, sowie leichten Blutergüssen. In meinen Augen ein MUSS für jeden Kampfkünstler.

Pferdesalbe  gibt es von so einigen Herstellern, aktuell habe ich die von WEPA. Für Pferde entwickelt, für den Menschen hilfreich, sagt man. Hilft bei Muskelkater, nach besonders hohen Belastungen des Bewegungsapparates, etc.

Ihr tut euch echt Gutes mit dem Zeug, besonders wenn ihr das Training in euren Gliedern spürt… und das werdet ihr sicher… 🙂

  • Am Ball bleiben!

Ein wichtiger Satz, den ich gerne hier lassen möchte lautet wie folgt:

„Zu spät kommen ist besser als gar nicht kommen!“ 

Aufgrund meiner Arbeit schaffe ich es nicht immer pünktlich zum Karate, Verspätungen werde künftig wohl eher zur Gewohnheit werden. Ich persönlich stellte bisher an mich den Anspruch, entweder ich bin pünktlich, oder lass es bleiben. Das ist ist Bullshit!

Im ersten Monat habe ich recht schnell gelernt, dass zu spät kommen zwar nicht schön ist, aber eher toleriert wird, als NICHT kommen – sofern kein wirklicher Grund vorliegt.

Im Kyokushin Karate gelangt ihr häufig an eure Grenzen. Immer wieder kommt die Frage auf, ob man sich das wirklich geben muss, ob man sich nicht überschätzt hat. Beisst euch durch, bleibt am Ball! Geht zum Training!

 

So. Der letzte Absatz war auch für mich gedacht. Gerade im ersten Monat habe ich mir öfter diese Fragen gestellt. Die Motivation gibt mir meine Familie, aber auch jedes neu durchgezogene Training. Und wenn ich in die Gesichter meiner Senpais nach dem Training schaue, weiß ich – denen geht es nicht viel anders als mir. Und plötzlich ist der Unterschied in der Gürtelfarbe völlig irrelevant: nach dem Training sind wir alle gleich.

Osu !

Mein Karateweg 0 – Kyokushin was?

Als ich 1996 meinen Einstieg in die Kampfkunst gemacht habe, hätte ich niemals gedacht, dass ich mich jemals dem Karate zuwenden würde.

Mit knapp 20 Jahren Wing Chun auf dem Buckel, etwas Erfahrung in Aikido und einem Schnupperjahr Taijiquan, habe ich etwa 2 – 3 Jahre Pause gemacht. Ich fühlte mich eingefahren, beinahe eingerostet und überlegte lange, wie es für mich weitergehen konnte… ja, OB es überhaupt weitergehen konnte!

Wieder Wing Chun, nur vielleicht ein Wechsel des Verbandes? Oder Freistil? Ich musste ja mittlerweile auch auf meinen Körper hören, ich bin ja nun auch nicht mehr der Jüngtse… und dann fiel mein Blick auf meine Tochter, die sich in den letzten Jahren zum Blaugurt im Andyoko Ryu Kempo Karate entwickelt hat… und ich dachte mir, „warum eigentlich nicht Karate?“

Kyokushin

Ich muss zugeben, dass ich Karate immer nur als KampfSPORT gesehen habe, bei dem Fitness und Charakterbildung im Vordergrund stehen. Doch die gelegentlichen Sparrings mit meiner Tochter haben mir gezeigt, dass da doch etwas mehr hinter steckt.

Dennoch hatte ich meine Zweifel, war ich doch seit vielen Jahren auf „innere“ Kampfkünste gedrillt. Trotzdem bemühte ich Google und fing an mich zu informieren. Interessanterweise erfuhr ich, dass Karate ursprünglich „chinesische Hand“ und nicht „leere Hand“ bedeutet und somit auch der Ursprung vom Karate klar wurde: Karate entwickelte sich aus den chinesischen Kampfkünsten. Mir war zwar klar, dass China und Japan und vor Allem auch die Inselkette des alten Ryukyu-Reiches sich durchaus gegenseitig in all den Jahrtausenden befruchteten, aber ich habe Karate immer als originär japanische Kampfkunst gesehen. Am Meisten hat mich aber überrascht, dass die chinesischen „inneren“ Kampfkünste die Basis für das Karate waren. Sollte also Taiji etc. der entfernte Großvater von Karate sein? Ein Enkel, der lediglich eine etwas andere Entwicklung genommen hat?

In totaler Kurzform: es scheint wohl so. Karate hat sich aus der reinen Zweckmäßigkeit entwickelt. Die Bauern mussten sich aufgrund eines Waffenverbots und der Repressalien schwer gepanzerter und bewaffneter „Ritter“ etwas einfallen lassen. Ziel war es also die chinesischen, weichen Kampfkünste so zu konzipieren, dass der Gegner bestenfalls mit einem Schlag ausgeknockt ist. So entwickelte sich aus dem „weichen“ Kung Fu das „harte“ Karate.

Meine Neugier war also endgültig geweckt, ich musste dieses Karate einfach mal selber machen… Google offenbarte mit 18 Karateschulen und -Vereine im Raum Ingolstadt. Ich suchte also eine Schule, deren Unterrichtszeiten irgendwie mit meiner Arbeit kompatibel waren. Es blieben 4 übrig. 3x Shotokan-, 1x Kyokushin-Karate.

Ich entschied mich für Kyokushin-Karate. Zum Einen, weil mir die Geschichte des Gründers imponierte und zum Zweiten, weil ich wieder richtig Bock auf hartes Sparring hatte und Kyokushin als Vollkontakt-Karate das offenbar anbietet.

Mas Oyama

Meine erste Trainingsstunde hatte ich dann am 10. September. Mit gebügelten Gi düste ich hin und versuchte so gut wie möglich mit zu machen. Mich erwartete eine bunte Mischung an Menschen mit einer irren Altersbandbreite. Von 12 bis 70 Jahren waren alle Altersklassen vertreten, Männer und Frauen. Ich war ein wenig überrascht, hatte ich doch, aufgrund des Rufs vom Kyokushin, hauptsächlich junge erwachsene Männer erwartet… aber weit gefehlt…

Der Trainingsaufbau war wie erwartet. Begrüßung, Kurzmeditation, Warmmachen, Grundübungen (Schläge, Tritte, Körperwendungen), Katas der Grundschule. Dann Sparring. Soweit so gut.

Einige Bewegungen waren bekannt, andere ungewohnt – die größte Umstellung für mich war aber tatsächlich der Fauststoß. Durch meinen Drill war ich es gewohnt einen „Geraden Fauststoß“ mit aufrechter Faust und einer Trefferfläche mit den drei unteren Fingerflächen (kleiner Finger, Ringfinger, Mittelfinger) zu machen. Der Tsuki beim Karate ist ein waagerechter Fauststoß mit Trefferfläche des Zeigefingers und Mittelfingers.

Nach dem Sparring hat es mich allerdings relativ kalt erwischt: Die Abhärtung.

Es begann mit klassischen Faustschlägen auf ein Schlagpolster. Als Anfänger wollte ich in Nichts nachstehen, doch je ausgepowerter ich war desto unkonzentrierter wurde ich und der Karate Tsuki mischte sich mit dem geraden Kung Fu Fauststoß. Ein Dilemma, der mir die rechte Hand stauchte.

Aber zur Abhärtung gehört nicht nur die Faust, auch diverse Muskelpartien und Körperpartien gehören dazu. Man fängt also an sich gegenseitig abwechselnd und organisiert mit Fäusten und Tritten etwaige Körperpartien zu traktieren. Brustmuskel, Bizeps, Trizeps, Unterarm, Rippenbogen, Bauch, Schienbein, Oberschenkel, etc. alles dabei.

Danach wieder Kurzmeditation, Verabschiedung, fertig.

Am nächsten Morgen ging es mir körperlich richtig mies. Ich konnte mich kaum bewegen, meine rechte Hand war leicht angeschwollen und pulsierte, aber ich war in Summe glücklich. Das war es. Das wollte ich weitermachen.

Das zweite Training war gefühlt nicht mehr ganz so schlimm, jedoch konnte ich mit der rechten Hand kaum etwas anfangen so daß ich jetzt erstmal eine Woche Pause eingelegt habe. Meiner Hand geht es mittlerweile besser, ist zwar noch nicht ausgeheilt, aber das wird schon noch. Am Dienstag geht es auf jeden Fall in die nächste Runde…

Aber warum tue ich mir das an?

Der Grund ist eigentlich ganz einfach: ich bin davon schlichtweg fasziniert. Mein Leben lang war ich schon immer von den Kampfkünsten fasziniert und ich hatte das Glück mal mehr, mal weniger in dieser Richtung lernen zu dürfen.

In den 2-3 Jahre Pause habe ich mich desöfteren gefragt, wie es sich eigentlich anfühlt, wenn man als älterer Mensch etwas komplett Neues in dieser Richtung anfängt. Wird man akzeptiert? Wie ist es, wenn man eine Gürtel-Prüfung mit Schulkindern gemeinsam macht? Kann man die verloren gegangene Beweglichkeit der Jugend wiederfinden und möglicherweise sogar weiter ausbauen? Wie weit kann man überhaupt noch kommen?

Ich bin mittlerweile 46 Jahre alt, meine Beweglichkeit hat in den letzten Jahren rapide abgenommen und mein Übergewicht lässt mich bei sportlicher Betätigung oftmals lächerlich aussehen. Mein einziger Vorteil gegenüber einem Anfänger „mittleren Alters“ ist der, dass ich vielleicht etwas mehr Erfahrung und mehrere Dojos und Trainingsräume bereits von innen gesehen habe.

Mehr nicht.

Ich will daher versuchen unter dem Titel „mein Karateweg“ eine fortlaufende Reihe machen, die

  • mit den Problemen offen umgeht
  • Mut machen soll
  • vielleicht sogar inspirieren kann

Dabei ist es völlig egal, welche Art von Kampfkunst man im Alter beginnen möchte…  ich glaube die Bedenken und Probleme sind immer ähnlich.

In diesem Sinne

Osu, Marcus

OSU